Warum ziehen, knibbeln & kauen wir?

Menschen können sich durchs Haareziehen, Hautknibbeln, Nägelkauen oder Wangenkauen in einen „Trance-ähnlichen Zustand“ versetzen – wir nennen das auch „driften“. Zunächst ist es nur eine ganz leichte, kaum merkbare Trance. Je länger wir ziehen, knibbeln oder kauen, desto stärker wird die Trance. Und die meisten Betroffenen sagen, dass sie das Zupfen, Knibbeln oder Kauen entspannend finden.

Die Impulse helfen uns Stress loszuwerden und Spannung abzubauen. Habt ihr euch schonmal gefragt warum? Wie kann es sein, dass  Haareziehen, Hautknibbeln oder Nägelkauen oder Wangenkauen uns entspannt?  Was steckt dahinter?

Nach den teiletherapeutischen Persönlichkeitsmodellen ist die menschliche Persönlichkeit vergleichbar mit einem Kuchen, der aus vielen, verschiedenen Kuchenstücken besteht. Ein Persönlichkeitsanteil ist vielleicht „die nette Kommilitonin“ mit der man wunderbar Kaffee trinken kann, ein anderer Persönlichkeitsanteil „die fleißige Biene“, die immer so perfekte Mitschriften macht. Ein weiterer ist vielleicht „die durchgeknallte Clubbraut“, die jedes Wochenende raven geht und einer „die treue Freundin“, mit der man so toll reden kann.

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Diese innere Vielseitigkeit ist völlig normal. Alle Menschen haben verschiedene innere Anteile, egal ob sie „eine Diagnose“ haben oder nicht. Bei den meisten Menschen ist es nun so, dass einige innere Anteile gesund sind und andere weniger gesund. Manche von den inneren Anteilen arbeiten gut zusammen und andere weniger gut. Manchmal geraten die inneren Anteile sogar in Konflikte miteinander – meist in ganz normalen Alltagssituationen. Und wenn das passiert, greifen Menschen manchmal zu Bewältigungsstrategien, die ihnen mehr schaden, als helfen.

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Ziehen, knibbeln, kauen: typische Situationen

Arbeiten am Laptop

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Lin sitzt am Laptop und arbeitet. Auf einmal denkt sie sich „Hey, ich könnte eigentlich mal eine Pause vertragen“. Sofort setzt der Impuls ein, sie fängt an Haare zu ziehen, an der Haut zu knibbeln, Nägel oder Wangen zu kauen. Unser Erklärungsansatz geht so: Einer von Lins inneren Anteilen möchte sitzen bleiben und weiterarbeiten, nennen wir den Anteil „die fleißige Biene“. Ein anderer Persönlichkeitsanteil möchte aufstehen, nennen wir ihn „die Grundbedürfnis-Wächterin“.

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Lin kann sich nicht entscheiden. Indem sie anfängt Haare zu ziehen, an der Haut zu knibbeln, Nägel oder Wangen zu kauen fängt sie an zu driften, d.h. sie versetzt sich selbst in leichte Trance. Je länger sie zieht, knibbelt oder kaut, desto stärker wird die Trance. Die Trance wirkt wie eine Nebeldecke, die langsam immer dichter und dichter wird. Sagen wir die „fleißige Biene“ gewinnt den inneren Konflikt. Sie bleibt oberhalb der Nebeldecke, während „die Grundbedürfnis-Wächterin“ im Nebel verschwindet.

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Lin kann jetzt weiterarbeiten und die Tatsache ignorieren, dass ein Teil von ihr eigentlich eine Pause machen wollte. Aber damit das klappt muss sie nebenbei ein wenig weiterziehen, weiterknibbeln oder weiterkauen. Warum das? Naja, „die Grundbedürfnis-Wächterin“ ist ja nicht weg – sie wird nur unterdrückt. Sie ist noch da und will immer noch Pause machen. Lin muss also weiterhin driften, den Nebel aufrecht erhalten.

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Surfen am Laptop

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Hier ist es ähnlich wie bei der Arbeitssituation, nur andersherum. Jule surft auf Facebook. Dann fällt ihr ein „Oh, du musst ja noch die Präsentation fertig machen.“ Sofort fängt sie an Haare zu ziehen, Haut zu knibbeln, Nägel oder Wangen zu kauen. Einer ihrer inneren Anteile, nennen wir ihn „die Surferin“, möchte weiter surfen. Ein anderer Anteil, „die fleißige Biene“, möchte an der Präsentation arbeiten.

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Jule kann sich nicht entscheiden. Sie fängt an zu ziehen, knibbeln oder kauen – und damit an zu driften, sie „produziert Nebel“. Sagen wir die Surferin gewinnt die Oberhand. Dieses Mal ist es die fleißige Biene, die unter der Nebeldecke verschwindet.

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Jule surft weiter anstatt zu arbeiten. Nebenbei zieht, knibbelt oder kaut sie um ein wenig zu driften und damit weiterhin die fleißige Biene zu unterdrücken, die immer noch die Präsentation fertig machen will.

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Fernsehen am Abend

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Nick guckt eine Serie. Es ist schon spät. Plötzlich fangt er an mit Ziehen, Knibbeln oder Kauen. Was ist los im inneren Team? Einer von Nicks Anteilen, „der Action-Junkie“, will weitergucken weil es gerade so spannend ist. Ein anderer Anteil, „der Grundbedürfnis-Wächter“, ist wirklich müde und will ins Bett gehen. Nick kann sich nicht entscheiden. Indem er zieht, knibbelt oder kaut fängt er an zu driften und Nebel zu produzieren. Sagen wir der Action-Junkie gewinnt und der Grundbedürfnis-Wächter wird unterdrückt. Dann wird Nick weitergucken, aber nebenher muss er auch ein wenig ziehen, knibbeln oder kauen um den Grundbedürfnis-Wächter unter dem Nebel zu halten.

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Entscheidend ist, worauf wir uns NICHT konzentrieren.

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Wie die meisten Menschen, die Haare ziehen (Trichotillomanie), Haut knibbeln (Dermatillomanie), Nägel knibbeln oder kauen (Onychotillomanie, Onychophagie), Wangen oder Lippen kauen (Morsicatio Buccarum) denken wir öfter über unsere Impulse nach. Dann fragen wir uns manchmal: Worauf konzentriere ich mich dabei? Was finde ich daran eigentlich so spannend?

Die Antworten lauten meistens: Ich suche nach unebenen Haaren, die anders sind. Oder ich konzentriere mich auf die Haarwurzel. Ich inspiziere die Knubbel auf meiner Haut, die „weg müssen“. Oder ich gucke mir meine Nagelränder an. Oder ich konzentriere mich auf das Nagelbett. Das, was wir von hier auf jetzt so spannend finden, sind meist winzige Details, die anderen Menschen gar nicht auffallen würden.

Wir schlagen vor die Frage umzudrehen. Wenn der nächste Impuls kommt, lasst uns mal fragen: Worauf konzentriere ich mich gerade nicht? Die Antwort darauf ist zwar nicht so einfach, aber wir glauben, dass sie uns als Betroffene viel weiter bringen kann.

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Unser Ansatz, auf den Punkt:

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– Wir ziehen, knibbeln oder kauen
– um uns durch die absolute Konzentration auf Haare, Haut, Nägel oder Wangen
– in einen „Driftmodus“/ eine leichte Trance zu versetzen
– mit der wir „störende“ Persönlichkeitsanteile unterdrücken können.

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Die Impulse wollen uns eigentlich nur „helfen“

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Die meisten Betroffenen von Trich, Derma oder Ony wissen wie frustrierend es sein kann, wenn die Impulse kommen und man sich nicht dagegen wehren kann. Wie oft haben wir uns schon gedacht „Meine Güte, hör doch einfach auf damit. Warum kann ich nicht einfach aufhören?“

Aber „einfach aufhören“ scheint nicht zu funktionieren. „Hands down“ scheint auch nicht zu funktionieren. Eigentlich scheint gar nichts zu funktionieren. Und mit der Zeit bekommen viele von uns eine richtige Wut auf diesen Drang – verständlicherweise.

Wenn wir aber mal ganz in Ruhe über die Sache nachdenken, dann sehen wir es eigentlich nicht so, dass das Ziehen, Knibbeln oder Kauen “das Problem” ist – ganz im Gegenteil. Diese Impulse sind im Prinzip der Versuch einer Lösung. Indem sie uns dazu bringen zu driften und Nebel zu produzieren, wollen die Impulse uns „helfen“ irgendwie mit dem eigentlichen Problem klarzukommen, dem inneren Konflikt zwischen zwei (oder mehreren) Persönlichkeitsanteilen.

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Ein Gedanke zu “Warum ziehen, knibbeln & kauen wir?

  1. Dr. Manfred Rohn

    Ich bin heilfroh, dass sich Gruppen gebildet haben, die diesem Phänomen auf den Grund, wirklich in die tiefe Tiefe gehen wollen. Der Ansatz mit einem „Konfliktkatalog“ erscheint mir sehr hilfreich. Wenn die
    Erfahrung gemacht wird, dass zumindest eine kleine, temporäre Linderung erreicht werden kann, durch
    e i g e n e s Handeln, ist das ein Erfolgserlebnis.
    Um eine Frage werden wohl alle nicht kommen: „Will ich ! das eigentlich, was ich tue, lebe?“
    Besser, man fängt erst `mal mit den Situationsfragen an.
    Ein schlechtes Gewissen sollten andere haben, z. B. Ärzte [bin selbst einer], die spüren, dass die Suche nach einer effektiven Therapie sich unendlich schwer gestaltet. Kompliziert Kranke, womöglich chronisch Erkrankte sind lästig, und führen dem Therapeuten seine Unfähigkeit in einem bestimmten Bereich seines Fachgebietes vor.
    Weiter so, „HEILEWACHSEN“

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