Abgrenzung zwischen Dermatillomanie und klassischem „Ritzen“

Disclaimer: Die meisten von uns sind nicht heilkundlich ausgebildet. Unsere Blogartikel beruhen auf Selbstbeobachtung. Dieser Artikel vermag lediglich eine Orientierung zu geben. Wir können und wollen keine Diagnosen stellen.

Manche Betroffene von Dermatillomanie fügen sich die kleinen Verletzungen an der Haut nicht in erster Linie mit den Fingern, sondern mit winzigen, oberflächlichen Hautschnitten zu, oft mit einer Rasierklinge. Daher stellt sich die Frage: wo hört Derma auf, wo fängt „Ritzen“ an? Wie kann  man die beiden abgrenzen?

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Nach unserem Ansatz dient Derma (wie alle BFRBs) dazu, durch die sich wiederholenden Impulse eine leichte Trance herbeizuführen/ zu „driften“/ „Nebel zu produzieren“. Wenn wir es mal mit Drogen vergleichen, wirken Trich, Derma, Ony und Morsi im System der inneren Anteile wie „Downer“. Der Zweck der Impulse liegt darin „eine Nebeldecke“ zu schaffen, mit der man Persönlichkeitsanteile unterdrücken kann (mehr hierzu in unserem Leitartikel).

Manche Menschen haben aber auch Symptome, die nach unserem Verständnis eher wie „Upper“ wirken. Insbesondere haben tiefe Schnitte in die Haut („Ritzen“) genau die entgegengesetzte Wirkung von Trich, Derma, Ony und Morsi. Bei tiefen Hautschnitten wird die Trance/ der Nebel nach unseren Beobachtungen nicht verstärkt, sondern aufgelöst. „Schneidedruck“ entsteht nach unserem Verständnis häufig gerade deshalb, weil die heruntergedrückten Persönlichkeitsanteile „keine Lust mehr auf den Nebel haben“, und „wieder nach oben wollen“.

Als weiteres Unterscheidungsmerkmal kann man sich die Dauer der Episoden und die Intensität der Eingriffe ansehen. Betroffene von Derma knibbeln häufig über einen längeren Zeitraum an der Haut, zum Teil sind es mehrere Stunden. Dafür ist der einzelne Eingriff nicht sehr intensiv, selbst dann nicht, wenn er in Form von winzigen Hautschnitten geschieht („leicht aber lang“). Tiefe Hautschnitte sind demgegenüber meist durch wenige, aber intensive Eingriffe gekennzeichnet („dolle aber kurz“).

Nach unserem Verständnis gehören klassische, tiefe Hautschnitte, die den Zweck haben den Nebel zu durchbrechen, nicht in die Gruppe der BFRBs.

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Leichtes Driften erkennen

Disclaimer: Die meisten von uns sind nicht heilkundlich ausgebildet. Unsere Blogartikel beruhen auf Selbstbeobachtung. Dieser Artikel vermag lediglich eine Orientierung zu geben. Wir können und wollen keine Diagnosen stellen.

Nach unserem Ansatz dienen BFRBs wie Derma, Morsi, Ony & Trich dazu, durch die sich wiederholenden Impulse zu driften, also eine leichte Trance herbeizuführen/ „Nebel zu produzieren“, um damit störende Persönlichkeitsanteile zu unterdrücken (mehr hierzu in unserem Leitartikel).

In diesem Blogartikel wollen wir uns nun intensiver mit dem Phänomen Driften auseinandersetzen.

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Was man übers Driften wissen sollte

Viele Betroffene von BFRBs können „von ganz allein“ driften.

Viele Betroffene von BFRBs driften im Alltag schon „von ganz allein“, auch ohne dass sie dafür erst ziehen, knibbeln oder kauen müssen. Bei diesen Betroffenen hat Ziehen, Knibbeln und Kauen unseres Erachtens die Funktion bereits vorhandene Trance noch zu verstärken, also den Nebel dichter zu machen.

Beispiel: Am Freitag schreibt Anna eine kleine Klausur. Heute ist Montag. Anna surft auf Facebook. Die fleißige Biene meldet sich und denkt „eigentlich solltest du lernen“. Anna fängt an von alleine zu driften, produziert ein wenig Nebel um die fleißige Biene zu unterdrücken und surft weiter.

Wenn nun die gleiche Situation am Mittwoch auftritt, kann es sein, dass die fleißige Biene schon um einiges stärker ist, und sich öfter und lauter meldet – weil Anna die Zeit ausgeht. Dann reicht „Von-Alleine-Driften“ vielleicht nicht mehr, um die fleißige Biene zu unterdrücken. Jetzt muss Anna zusätzlich ziehen, knibbeln oder kauen, um die Nebeldecke dichter zu machen.

Dieser Artikel beschäftigt sich ganz allgemein mit dem Symptom Driften, egal ob es „Von-Alleine-Driften“ ist, oder ob das Driften vom Ziehen, Knibbeln oder Kauen herbeigeführt oder verstärkt wird.

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Es ist nicht ganz einfach, normales Alltagsdriften und pathologisches Driften abzugrenzen. 

Alle Menschen schweifen ja mal mit ihren Gedanken ab, geben sich Tagträumereien hin oder starren vor sich hin, wenn sie hochkonzentriert oder müde sind. Wenn man Leute von außen betrachtet ist es nicht ganz einfach zu unterscheiden, ob es sich um normales „Alltagsdriften“ handelt oder ob der/ die Betroffene so häufig oder intensiv driftet, dass es Krankheitswert hat, also pathologisch ist.

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Der offizielle Begriff für pathologisches Driften lautet „Bewusstseinsveränderung“ oder „Dissoziation“.

Wie pathologisches Driften offiziell heißt ist in Therapie und Wissenschaft heiß umstritten. Manche nennen es „Dissoziation“ oder „dissoziatives Erleben“ (auch Derealisation, Depersonalisation), andere nennen es „Bewusstseinsveränderung“. Mehr über die offiziellen Begrifflichkeiten schreiben wir ganz am Ende dieses Artikels. Der Einfachheit halber bleiben wir bei dem Begriff Driften oder Trance.

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Es gibt sehr unterschiedliche Schweregrade

Pathologisches Driften bewegt sich auf einer Skala:

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In schweren Fällen wird der Nebel so dicht, dass Betroffene komplett „ins Traumland“ abrutschen – sie sind gar nicht mehr ansprechbar, sie reagieren nicht auf Zurufe und wirken wie bewusstlos – nur, dass sie mit offenen Augen dasitzen. In solchen Fällen kann man Betroffene zum Teil nur mithilfe intensiver Reize zurück ins Hier und Jetzt holen – etwa in dem man ihnen eine Ammoniak-Riechampulle unter die Nase hält. Durch den beißenden Geruch fangen sie dann an zu husten und kommen wieder zu sich.

In mittelschweren Fällen fällt es Betroffenen ebenfalls schwer, wieder ins Hier und Jetzt zurückzukommen, aber sie können es immerhin von allein. Sie merken dann, dass sie „wie weg“ waren.

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Viel häufiger, aber viel schwerer zu erkennen ist pathologisches Driften auf dem oberen Ende der Skala – also wenn es nur leicht ist. In diesem Artikel schildern wir 3 Situationen, in denen leichtes Driften häufig auftritt und geben euch Tipps wie ihr durch Selbstbeobachtung herausfinden könnt, ob ihr driftet.

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Ist es möglich von pathologischer Bewusstseinsveränderung oder Dissoziation betroffen zu sein, ohne es zu wissen?

Ein klares Ja. Vor allem wenn man nur leicht driftet.

“Dissoziative Störungen sind tatsächlich nicht leicht zu erkennen! (…) [Betroffene] sind sich ihrer dissoziativen Symptomatik manchmal kaum bewusst, insbesondere, wenn sie sich selbst nie anders erlebt haben.” (Mondrian Graf von Lüttichau)

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Situation 1: „Vor sich hinstarren“ – normales Nachdenken oder leichtes Driften?

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Leichtes Driften fühlt sich meistens an, und sieht äußerlich aus, als ob wir einfach vor uns hinstarren, dabei intensiv nachdenken und uns stark auf das konzentrieren, worüber wir nachdenken. Wo hört normales Nachdenken auf, wo fängt leichtes Driften an? Hier ein paar Erfahrungswerte zur Differenzierung.

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Inneres Drift-Merkmal: Kreisdenken

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Wenn man driftet, denkt man tatsächlich nach – das Denken bleibt meist oberhalb der Nebeldecke. Aber je länger man driftet, desto wahrscheinlicher ist „Kreisdenken“ – also, dass man immer und immer wieder über das gleiche Thema nachdenkt, ohne dabei zu einem neuen Ergebnis zu kommen. Fragen für die Selbstbeobachtung:

  • Wenn ich aufhöre mit Nachdenken, kann ich dann noch sagen, worüber ich nachgedacht habe?
  • Kann ich mir hinterher noch erklären, warum mich dieses Thema in dem Moment so beschäftigt hat? War es besonders wichtig oder interessant?
  • Wieviel Zeit habe ich mit Nachdenken verbracht und zu welchen Erkenntnissen bin ich dabei gekommen – stehen Zeitaufwand und Ergebnis in einem sinnvollen Verhältnis?
  • Habe ich über dieses Thema schon öfter nachgedacht? Wenn ja wie oft? Macht es von außen betrachtet irgendeinen Sinn immer wieder darüber nachzudenken?

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Inneres Drift-Merkmal: Emotionen/ Anteile mit Emotionen werden unterdrückt

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Beim Driften können jegliche Emotionen/ Persönlichkeitsanteile, die in dem Moment Urheber von Emotionen sind unter die Nebeldecke geschoben werden. Fragen zur Selbstbeobachtung:

  • Kann ich während meiner „Nachdenk-Episoden“ irgendetwas fühlen?
  • Wenn ich z.B. an etwas Trauriges denke, bei dem ich normalerweise Trauer empfinden würde, spüre ich dann auch beim Nachdenken Trauer?
  • Wenn ich an etwas Ärgerliches denke, spüre ich dann auch Wut?
  • Einige Betroffene spüren Emotionen, aber nur ganz ganz leicht, als wären sie sehr weit weg, eben „eingenebelt“.

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Inneres Drift-Merkmal: Körperempfindungen/ Anteile mit Körperempfindungen werden unterdrückt

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Beim Driften kann es sein, dass nach kurzer Zeit kein Gespür mehr für Körperempfindungen vorhanden ist – Hitze, Kälte, Schmerz, unangenehme Körperpositionen usw. Auch hier wird alles unter die Nebeldecke geschoben. Fragen zur Selbstbeobachtung:

  • Wenn ich mit dem Nachdenken wieder aufhöre, merke ich dann häufiger, dass ich total schwitze und schon längst meinen Pulli usw. hätte ausziehen sollen?
  • Oder dass es im Raum inzwischen eiskalt geworden ist?
  • Oder dass ich wirklich dringend, und daher scheinbar schon länger auf die Toilette muss?
  • Oder dass ich großen Hunger oder Durst habe, der sich eigentlich schon länger angekündigt haben muss?

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Inneres & Äußeres Drift-Merkmal: Außenwelt wird ausgeblendet

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Beim Driften kann auch die Außenwelt ausgeblendet werden, d.h. man bekommt wenig oder sogar nichts mehr um sich herum mit. Fragen zur Selbstbeobachtung:

  • Erschrecke ich mich beim Nachdenken öfter, wenn plötzlich jemand hinter mir steht? Habe ich dann das Gefühl er/ sie hätte sich „angeschlichen“, weil ich ihn/ sie nicht habe kommen hören?
  • Beschweren sich andere häufiger, dass es ungewöhnlich lange dauert, bis ich reagiere, wenn ich angesprochen werde?

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„Es ist dann nicht so, dass ich meinen Freund nicht höre. Aber es ist so wie in Zeitlupe. Ich höre wie er „Simoooone“ sagt und ich denke langsam mmh ich glaub ich müsste ihn jetzt angucken.“ (Simone*, Heilewachsen Berlin)

* Namen geändert

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Äußeres Drift-Merkmal: Verharren in der gleichen Körperposition/ in unangenehmer Körperposition 

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Anders als Menschen die nur nachdenken, können Menschen, die driften dabei über längere Zeit regungslos in exakt der gleichen Körperposition verharren.

Dabei können wir in für uns eigentlich unangenehmen Körperpositionen verharren:

  • die Schultern werden hochgezogen
  • oder der Kopf wird in einem merkwürdigen Winkel geneigt
  • oder ein Arm wird hochgehalten (etwa als würde man gleich eine Zigarette oder ein Glas zum Mund führen wollen) und „bleibt einfach in der Luft stehen“
  • usw.

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„Ich habe hinterher regelrecht Verspannungen und Nackenschmerzen, weil ich stundelang in einer total blöden Position dagesessen habe, wie zu einer Salzsäule erstarrt.“ (Maria*, Heilewachsen Berlin)

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Äußeres Drift-Merkmal: Häufigkeit und Dauer

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Das wichtigste äußere Unterscheidungsmerkmal zwischen Driften und normalem Nachdenken ist: Wie häufig passiert es und wie lange dauert es?

Wenn dir nicht gerade eine sehr wichtige Lebensentscheidung bevorsteht oder du eine Beziehungskrise hast oder Ähnliches, ist es zum Beispiel nicht normal mehrmals am Tag jeweils eine halbe Stunde oder länger mit „Nachdenken“ zu verbringen, bei dem du einfach vor dich hinstarrst/ in den Raum starrst/ an die Decke starrst.

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Situation 2: „Vor dem Bildschirm“ – normale Konzentration oder leichtes Driften?

Wenn man vor dem Bildschirm driftet, konzentriert man sich tatsächlich erst einmal auf das, was man vor sich hat – die Präsentation, die Hausarbeit, den Facebook-Feed, den Zeitungsartikel usw. Wo hört normale Konzentration vor dem Bildschirm auf, wo fängt leichtes Driften an? Hier wieder ein paar Erfahrungswerte zur Differenzierung.

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Inneres Drift-Merkmal: Hyperfokus

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Bei leichtem Driften vor dem Bildschirm können Betroffene in eine Art „Hyperfokus“ geraten, d.h. wir können uns ungewöhnlich gut und lange konzentrieren. Unsere Vermutung lautet: weil wir alles, was „stören“ könnte, mithilfe des Nebels unterdrücken. Fragen zur Selbstbeobachtung:

  • Kann ich mich vor dem Bildschirm scheinbar mühelos über viele Stunden hinweg sehr gut konzentrieren?
  • Kommt es vor, dass andere mir sagen, dass sie gar nicht verstehen können wie man so lange ohne Pause arbeiten kann?
  • Unterdrücke ich dabei Emotionen? (Fragen zur Selbstbeobachtung wie oben)
  • Unterdrücke ich Körperempfindungen? (Fragen zur Selbstbeobachtung wie oben)
  • Blende ich die Außenwelt aus? (Fragen zur Selbstbeobachtung wie oben)
  • Habe ich Schwierigkeiten mich von meiner Tätigkeit loszureißen, wenn ich unterbrochen werde?

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„Wenn ich so konzentriert bin dann hasse ich nichts mehr, als unterbrochen zu werden. Vor allem wenn ich dann etwas gefragt werde oder irgendeine Entscheidung treffen soll, oder schlimmer noch, aufstehen. Ich sage dann immer „Moment, nur schnell noch….“ – auch wenn das, was ich gerade mache eigentlich gar nicht dringend ist, und ich eigentlich weiß, dass ich das problemlos auch wann anders machen könnte. Aber in dem Moment kommt es mir total wichtig vor, ich will dann damit nicht aufhören… es ist wie ein Sog. Manchmal bleibe ich dann noch eine halbe Stunde sitzen.“ (Maria, Heilewachsen Berlin)

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Ziehen, Knibbeln, Kauen & Hyperfokus

Wie eingangs beschrieben, können viele Betroffene von BFRBs sich von selbst zum Driften bringen. Je stärker die Persönlichkeitsanteile sich melden, die etwas anderes machen wollen, als das was du gerade am Bildschirm machst, desto wahrscheinlicher ist es, dass „Von-Alleine-Driften“ nicht ausreicht, also dass du die Nebeldecke dichter machen musst. Das ist der Moment wo die meisten von uns mit Ziehen, Knibbeln und Kauen anfangen.

Bsp 1. Das Beispiel von oben: wenn man surft statt zu lernen, und der Zeitdruck zunimmt, wird die fleißige Biene immer stärker. Irgendwann kann sie nur noch mithilfe der Impulse unterdrückt werden.

Bsp 2: Leichten Hunger oder ein wenig auf die Toilette müssen können viele mit Von-Alleine-Driften unterdrücken. Je stärker die Körperempfindung wird, desto wahrscheinlicher ist es, dass der Nebel nicht mehr ausreicht und die Impulse anfangen.

Bsp. 3: Leichte Verärgerung lässt sich mit Von-Alleine-Driften unterdrücken, bei einer richtigen „Wut im Bauch“ werden viele die Impulse zu Hilfe nehmen um stärker zu driften.

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Inneres Drift-Merkmal: Apathie 

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Der Hyperfokus kann auch in eine Art Apathie umschlagen, d.h. Betroffene können sich irgendwann gar nicht mehr konzentrieren. Dennoch stehen wir an dieser Stelle nicht etwa auf und machen Pause, wie man es in einer normalen Ermüdungssituation machen würde. Unsere Vermutung lautet: wenn das passiert, dann ist die Trance zu stark geworden, der Nebel zu dicht. Fragen zur Selbstbeobachtung:

  • Wenn ich mich nicht mehr konzentrieren kann, bleibe ich dann trotzdem sitzen, anstatt Pause zu machen?
  • Lese ich mir z.B. den gleichen Text immer wieder durch?
  • Starre ich irgendwann nur noch apathisch auf den Bildschirm?
  • Gerate ich ins Kreisdenken? (Fragen zur Selbstbeobachtung wie oben)
  • Unterdrücke ich Emotionen? (Fragen zur Selbstbeobachtung wie oben)
  • Unterdrücke ich Körperempfindungen? (Fragen zur Selbstbeobachtung wie oben)
  • Blende ich die Außenwelt aus? (Fragen zur Selbstbeobachtung wie oben)
  • Habe ich Schwierigkeiten mich von meinem „Nichts-Tun“ vor dem Bildschirm loszureißen und aufzustehen?
  • Wie viel Zeit vergeht, in der ich vor dem Bildschirm sitze und nichts tue?

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„Ich glaube wenn ich zu lange drifte, drücke ich damit sogar die fleißige Biene unter die Nebeldecke. Die Trance ist gefährlich, irgendwann entwickelt sie so eine Eigendynamik. Als wollte der Nebel auch mal ganz allein an der Macht sein.“ (Claudia*, Heilewachsen Berlin)

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Ziehen, Knibbeln, Kauen & Apathie

In den Situationen, wo man vor dem Bildschirm sitzt und nichts tut ist es ähnlich wie beim Hyperfokus. Leichte Emotionen und Körperempfindungen lassen sich mit Von-Alleine-Driften unterdrücken, bei stärkeren setzen die Impulse ein.

Hinzu kommt, dass die Frage „Aufstehen oder nicht aufstehen?“ eine der vielen kleinen Alltagsentscheidungen ist, die ja ebenfalls Verursacher für die Impulse sind.

Je stärker der Impuls wird, aufzustehen, (zum Beispiel um etwas zu essen, auf die Toilette zu gehen, schlafen zu gehen, etwas einkaufen zu gehen usw.), desto stärker kann die „Gegenmaßnahme“ ausfallen. Das Ziehen, Knibbeln, Kauen kann geradezu „anfallartig“ werden, sodass Betroffene sich regelrecht „wegbeamen“. In diesen Fällen bewegen wir uns auf der Skala schon in Richtung mittelschwerem Driften bis hin zu schwerem Driften, wo sich die Betroffenen ohne fremde Hilfe z.T. stundenlang nicht mehr aus ihrer Situation befreien können.

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Äußeres Drift-Merkmal: In der gleichen Körperposition verharren/ in unangenehmer Körperposition verharren

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Auch beim Driften vor dem Bildschirm kann es sein, dass Betroffene lange regungslos in exakt der gleichen Körperposition oder in unangenehmen Körperpositionen verharren. Für Fragen zur Selbstbeobachtung siehe oben.

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Äußeres Drift-Merkmal: Aufgerissene Augen

Um Driften vor dem Bildschirm zu erkennen kann es sich lohnen mal die Kamerafunktion einzuschalten und sich die eigenen Augen anzuschauen. Bei den meisten Menschen sind die Augen normalerweise so weit geschlossen, dass man den oberen Teil der Iris kaum sieht:

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Nach längerem Driften können die Augen von Betroffenen so weit geöffnet sein, dass man die ganze, runde Iris sieht. Manchmal sind sogar die Augenbrauen hochgezogen und die Stirn gerunzelt. Der Kopf wird dabei häufig leicht nach vorne gebeugt.

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Betroffene, die beim Driften die Kamera einschalten, haben im ersten Moment manchmal den Eindruck, dass sie überrascht, schockiert oder nicht allzu intelligent gucken.

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Situation 3: Fernsehen oder leichtes Driften?

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Wir machen es kurz, denn auch in Fernseh-Situationen gilt alles oben bereits Gesagte. Die inneren und äußeren Drift-Merkmale sind ähnlich. Für die Selbstbeobachtung schlagen wir vor, dass ihr euch Fernseh-Situationen anschaut, in denen ihr nicht müde seid (also möglichst nicht spät abends), um echte Müdigkeit als Variable auszuschließen. Zusätzliche Fragen zur Selbstbeobachtung:

  • Ist irgendwann meine Sicht nicht mehr „scharf gestellt“?
  • Fixiere ich meinen Blick auf einen bestimmten Punkt?
  • Nehme ich das Bild nicht mehr wahr?
  • Verfolge ich die Handlung nicht mehr?
  • Weiß ich nicht mehr was im Film passiert ist? Wie viele Minuten muss ich im Film zurückgehen, um wieder an dem Punkt anzuknüpfen, an dem ich noch bei der Sache war?

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Mehr zum offiziellen Begriff und Links

Therapie und Wissenschaft verwenden für das Symptom Driften unterschiedliche Begriffe. Über den offiziellen Begriff herrschen zur Zeit große Meinungsverschiedenheiten. Man kann hier grob zwei Schulen unterscheiden.

1. Herkömmliche Schulen

Nach den herkömmlichen Schulen lautet der offizielle Begriff für pathologisches Driften „Dissoziation“.

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Innerhalb der herkömmlichen Schulen gibt es viele weitere Meinungsverschiedenheiten. Welche Formen der Dissoziation gibt es? Wo hört normale „Alltagsdissoziation“ auf, wo fängt pathologische Dissoziation an? Was ist mit Depersonalisation und Derealisation? Und so weiter und so fort. Mehr dazu hier: http://de.wikipedia.org/wiki/Dissoziation_%28Psychologie%29

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2. Theorie der Strukturellen Dissoziation

Nach der Theorie der strukturellen Dissoziation ist der Begriff „Dissoziation“ mit „Abspaltung“ gleichzusetzen, er beschreibt also die Manifestation der Spaltung von Persönlichkeitsanteilen an sich. Driften und Trance heißt nach dieser Schule „Bewusstseinsveränderung“.

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= Dissoziation (also Spaltung)

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= Bewusstseinsveränderung

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3. Als Betroffene sagen wir  einfach „Trance“ oder „Driften“

Wir verwenden den informellen und unter Betroffenen gebräuchlichen Begriff „driften“ (auf Englisch „drifting“). Ob driften nun offiziell „Dissoziation“ oder „Bewusstseinsveränderung“ genannt wird, ist uns nicht so wichtig.

Wichtig ist uns Folgendes: das Phänomen Driften gibt es. Und wir glauben, dass es wichtig ist dieses Symptom zu verstehen, um Derma, Morsi, Ony und Trich zu verstehen und effektiv zu behandeln.

Körperempfindungen

Hunger kann beispielsweise ein Verursacher sein fürs Ziehen, Knibbeln oder Kauen.

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Indem die Betroffene dem Impuls nachgibt, bringt sie sich ein wenig zum Driften. Der Hunger verschwindet unter der Nebeldecke, und so kann sie ihre Wahrnehmung für den Hunger reduzieren oder sogar ganz ausschalten.

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Kategorie: physische Verursacher

Körperempfindungen sind physische Verursacher. Anders als mentale Verursacher sind physische Verursacher häufig konstant. Das heißt der/ die Betroffene hört so lange nicht auf zu ziehen, knibbeln oder kauen, bis die Körperempfindung aufhört (z.B. weil er/ sie etwas gegessen hat).

Typischerweise braucht es ein paar Tage Selbstbeobachtung um herauszufinden, ob oder welche Körperempfindung ein Verursacher fürs Ziehen, Knibbeln oder Kauen ist.

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Weitere typische Körperempfindungen, die Verursacher sein können:

Durst

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Kontrollfrage: Hört der Impuls auf, nachdem ich etwas getrunken habe?

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Schwitzen

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Kontrollfrage: Hört der Impuls auf, nachdem ich z.B. den Pulli ausgezogen habe?

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Frieren

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Kontrollfrage: Hört der Impuls auf, nachdem ich z.B. eine Jacke angezogen habe?

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Auf die Toilette müssen

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Kontrollfrage: Hört der Impuls auf, nachdem ich auf der Toilette war?

 

Entscheidungsituationen im Alltag

Wir alle müssen jeden Tag viele kleine Entscheidungen treffen, bei denen unsere inneren Anteile schnell aneinander geraten können. Solche inneren Teamkonflikte können für Betroffene von Derma, Ony, Morsi und Trich schnell heikel werden. Zwei Beispiele.

Should I stay or should I go?

Anna ist raven, eine Freundin hat Geburtstag. Als die Sonne aufgeht überlegt sich Anna ob sie wachbleiben will und weiter tanzen (mit Club-Mate natürlich) oder ob’s nach Hause gehen soll. Sofort kriegen sich einige ihrer inneren Teammitglieder in die Wolle:

  • Raverin: „Bleiben natürlich! Club-Maaatteeeee!!!“
  • Kritische: „Du gehst sofort. Morgen musst du lernen!!“
  • Gute Freundin: „Jetzt nur nicht schlappmachen! Du willst doch deine Freundin nicht enttäuschen!“
  • Grundbedürfnis-Wächterin: „Schnell nach Hause! Man gebe mir ein Bett…“

 

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Der innere Konflikt setzt Anna ganz schön unter Druck. Sofort fängt sie an zu knibbeln, ziehen oder kauen, damit sie ein wenig driften und so die inneren Streithähne ein Stück weit unterdrücken kann.

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Wie geht es weiter? Naja, Anna entscheidet sich irgendwie, entweder sie geht oder sie bleibt. Wenn sie bleibt, kann es sein, dass sie weiter zieht, knibbelt oder kaut, weil die Kritische oder die Grundbedürfnis-Wächterin sich mit ihren Anliegen weiter melden, und Anna die Nebeldecke daher aufrecht erhalten muss. Oder aber sie trinkt genug Alkohol oder Club-Mate um die beiden auf andere Art zum Schweigen zu bringen. Wenn Anna sich entscheidet zu gehen, kann es sein, dass die Impulse trotzdem nicht aufhören (jedenfalls solange bis sie einschläft) – zum Beispiel weil die „gute Freundin“ jetzt ein schlechtes Gewissen hat und sich weiter meldet.

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Entscheidungsstress im Supermarkt

Einkaufen kann für Max ganz schön stressig werden. Er hat nicht unbegrenzt viel Geld und sein inneres Team kann sich oft nicht einigen, was gekauft werden soll.

  • Schleckermäulchen: „Es müssen vor Allem Kekse her“.
  • Gesundheitsbedachter: „Nein, vor Allem Obst und Gemüse.“
  • Sparfuchs: „Hauptsache so günstig wie möglich.“
  • Feinschmecker: „Also etwas Besonderes sollte es schon sein.“

 

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Wenn er vor dem Regal im Supermarkt steht, fängt Max oft an zu knibbeln, ziehen oder kauen. So kann er ein wenig driften und den inneren Konflikt etwas zudecken.

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Wie geht es weiter? Max entscheidet sich irgendwie, kauft etwas ein. Wenn Max Glück hat, ist der innere Konflikt vorbei, sobald er den Supermarkt verlässt – weil die unterlegenen Anteile einfach „aufgeben“. Es kann aber auch sein, dass die Impulse weitergehen – zum Beispiel weil sich der Sparfuchs weiter meldet, wenn Max zuviel Geld ausgegeben hat.

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Kategorie: mentaler Verursacher

“Should I stay or should I go” und „Entscheidungsstress im Supermarkt“ sind mentale Verursacher.

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Abwandlungen des Grundszenarios

Es gibt unendlich viele denkbare Situationen, in denen wir im Alltag kleinere Entscheidungen treffen müssen, die zu inneren Teamkonflikten führen können. 

 

Surferin vs. Fleißige Biene

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Jule surft auf Facebook. Dann fällt ihr ein „Oh, du musst ja noch die Präsentation fertig machen.“ Sofort fängt sie an Haare zu ziehen, Haut zu knibbeln, Nägel oder Wangen zu kauen. Einer ihrer inneren Anteile, nennen wir ihn „die Surferin“, möchte weiter surfen. Ein anderer Anteil, „die fleißige Biene“, möchte an der Präsentation arbeiten.

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Jule kann sich nicht entscheiden. Indem sie anfängt Haare zu ziehen, an der Haut zu knibbeln, Nägel oder Wangen zu kauen fängt sie an zu driften, d.h. sie versetzt sich selbst in leichte Trance. Je länger sie zieht, knibbelt oder kaut, desto stärker wird die Trance. Die Trance wirkt wie eine Nebeldecke, die langsam immer dichter und dichter wird. Sagen wir die “Surferin” gewinnt den inneren Konflikt. Sie bleibt oberhalb der Nebeldecke, während “die fleißige Biene” im Nebel verschwindet.

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Jule surft weiter anstatt zu arbeiten. Nebenbei zieht, knibbelt oder kaut sie um ein wenig zu driften und damit weiterhin die fleißige Biene zu unterdrücken, die immer noch die Präsentation fertig machen will.

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Kategorie: mentaler Verursacher

“Surferin vs. Fleißige Biene” ist ein mentaler Verursacher. Es kommt uns in diesem Szenario nicht auf die physische Körperposition „Sitzen“ an – das Szenario könnte also genauso gut im Stehen oder Liegen stattfinden.

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Abwandlungen des Grundszenarios

  • Es muss natürlich nicht Facebook sein, die Surferin kann sich genauso gut auf anderen Websites, Online-Portalen, Newsfeeds usw. aufhalten, als sich die fleißige Biene meldet.
  • Ebenso muss es nicht auf dem Laptop sein, die Surferin kann genauso gut auf ihrem Handy mit Whatsapp, Instagram usw. beschäftigt sein., als sich die fleißige Biene meldet.
  • Die Surferin ist bei manchen Betroffenen gut ersetzbar mit dem „Serienjunkie“, der gerade seine Lieblingsserie auf Netflix guckt und immer weiter gucken will, und sich von der fleißigen Biene gestört fühlt.
  • Bei manchen Betroffenen kann man die Surferin auch gut mit der „Leseratte“ ersetzen. Es gibt verschiedene Möglichkeiten.
  • Ebenso muss sich die „fleißige Biene“ natürlich nicht unbedingt wegen einer Präsentation melden, es kann auch eine Hausarbeit sein, oder Lernen auf eine Klausur, oder der Brief an die Oma, der noch fertig geschrieben werden muss. Auch hier gibt es verschiedene Möglichkeiten.

 

Fleißige Biene vs. Grundbedürfnis-WächterIn

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Lin sitzt am Laptop und arbeitet. Auf einmal denkt sie sich „Hey, ich könnte eigentlich mal eine Pause vertragen“. Sofort setzt der Impuls ein, sie fängt an Haare zu ziehen, an der Haut zu knibbeln oder Nägel zu kauen. Unser Erklärungsansatz geht so: Einer von Lins inneren Anteilen möchte sitzen bleiben und weiterarbeiten, nennen wir den Anteil „die fleißige Biene“. Ein anderer Persönlichkeitsanteil möchte aufstehen, nennen wir ihn „die Grundbedürfnis-Wächterin“.

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Lin kann sich nicht entscheiden. Indem sie anfängt Haare zu ziehen, an der Haut zu knibbeln oder Nägel zu kauen fängt sie an zu driften, d.h. sie versetzt sich selbst in leichte Trance. Je länger sie zieht, knibbelt oder kaut, desto stärker wird die Trance. Die Trance wirkt wie eine Nebeldecke, die langsam immer dichter und dichter wird. Sagen wir die „fleißige Biene“ gewinnt den inneren Konflikt. Sie bleibt oberhalb der Nebeldecke, während „die Grundbedürfnis-Wächterin“ im Nebel verschwindet.

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Lin kann jetzt weiterarbeiten und die Tatsache ignorieren, dass ein Teil von ihr eigentlich eine Pause machen wollte. Aber damit das klappt muss sie nebenbei ein wenig weiterziehen, weiterknibbeln oder weiterkauen. Warum das? Naja, „die Grundbedürfnis-Wächterin“ ist ja nicht weg – sie wird nur unterdrückt. Sie ist noch da und will immer noch Pause machen. Lin muss also weiterhin driften, den Nebel aufrecht erhalten.

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Kategorie: mentaler Verursacher

“Fleißige Biene vs. Grundbedürfnis-Wächterin” ist ein mentaler Verursacher. Es kommt uns in diesem Szenario nicht auf die physische Körperposition “Sitzen” an – das Szenario könnte also genauso gut im Stehen oder Liegen stattfinden.

 

Warum ziehen, knibbeln & kauen wir?

Menschen können sich durchs Haareziehen, Hautknibbeln, Nägelkauen oder Wangenkauen in einen „Trance-ähnlichen Zustand“ versetzen – wir nennen das auch „driften“. Zunächst ist es nur eine ganz leichte, kaum merkbare Trance. Je länger wir ziehen, knibbeln oder kauen, desto stärker wird die Trance. Und die meisten Betroffenen sagen, dass sie das Zupfen, Knibbeln oder Kauen entspannend finden.

Die Impulse helfen uns Stress loszuwerden und Spannung abzubauen. Habt ihr euch schonmal gefragt warum? Wie kann es sein, dass  Haareziehen, Hautknibbeln oder Nägelkauen oder Wangenkauen uns entspannt?  Was steckt dahinter?

Nach den teiletherapeutischen Persönlichkeitsmodellen ist die menschliche Persönlichkeit vergleichbar mit einem Kuchen, der aus vielen, verschiedenen Kuchenstücken besteht. Ein Persönlichkeitsanteil ist vielleicht „die nette Kommilitonin“ mit der man wunderbar Kaffee trinken kann, ein anderer Persönlichkeitsanteil „die fleißige Biene“, die immer so perfekte Mitschriften macht. Ein weiterer ist vielleicht „die durchgeknallte Clubbraut“, die jedes Wochenende raven geht und einer „die treue Freundin“, mit der man so toll reden kann.

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Diese innere Vielseitigkeit ist völlig normal. Alle Menschen haben verschiedene innere Anteile, egal ob sie „eine Diagnose“ haben oder nicht. Bei den meisten Menschen ist es nun so, dass einige innere Anteile gesund sind und andere weniger gesund. Manche von den inneren Anteilen arbeiten gut zusammen und andere weniger gut. Manchmal geraten die inneren Anteile sogar in Konflikte miteinander – meist in ganz normalen Alltagssituationen. Und wenn das passiert, greifen Menschen manchmal zu Bewältigungsstrategien, die ihnen mehr schaden, als helfen.

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Ziehen, knibbeln, kauen: typische Situationen

Arbeiten am Laptop

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Lin sitzt am Laptop und arbeitet. Auf einmal denkt sie sich „Hey, ich könnte eigentlich mal eine Pause vertragen“. Sofort setzt der Impuls ein, sie fängt an Haare zu ziehen, an der Haut zu knibbeln, Nägel oder Wangen zu kauen. Unser Erklärungsansatz geht so: Einer von Lins inneren Anteilen möchte sitzen bleiben und weiterarbeiten, nennen wir den Anteil „die fleißige Biene“. Ein anderer Persönlichkeitsanteil möchte aufstehen, nennen wir ihn „die Grundbedürfnis-Wächterin“.

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Lin kann sich nicht entscheiden. Indem sie anfängt Haare zu ziehen, an der Haut zu knibbeln, Nägel oder Wangen zu kauen fängt sie an zu driften, d.h. sie versetzt sich selbst in leichte Trance. Je länger sie zieht, knibbelt oder kaut, desto stärker wird die Trance. Die Trance wirkt wie eine Nebeldecke, die langsam immer dichter und dichter wird. Sagen wir die „fleißige Biene“ gewinnt den inneren Konflikt. Sie bleibt oberhalb der Nebeldecke, während „die Grundbedürfnis-Wächterin“ im Nebel verschwindet.

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Lin kann jetzt weiterarbeiten und die Tatsache ignorieren, dass ein Teil von ihr eigentlich eine Pause machen wollte. Aber damit das klappt muss sie nebenbei ein wenig weiterziehen, weiterknibbeln oder weiterkauen. Warum das? Naja, „die Grundbedürfnis-Wächterin“ ist ja nicht weg – sie wird nur unterdrückt. Sie ist noch da und will immer noch Pause machen. Lin muss also weiterhin driften, den Nebel aufrecht erhalten.

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Surfen am Laptop

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Hier ist es ähnlich wie bei der Arbeitssituation, nur andersherum. Jule surft auf Facebook. Dann fällt ihr ein „Oh, du musst ja noch die Präsentation fertig machen.“ Sofort fängt sie an Haare zu ziehen, Haut zu knibbeln, Nägel oder Wangen zu kauen. Einer ihrer inneren Anteile, nennen wir ihn „die Surferin“, möchte weiter surfen. Ein anderer Anteil, „die fleißige Biene“, möchte an der Präsentation arbeiten.

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Jule kann sich nicht entscheiden. Sie fängt an zu ziehen, knibbeln oder kauen – und damit an zu driften, sie „produziert Nebel“. Sagen wir die Surferin gewinnt die Oberhand. Dieses Mal ist es die fleißige Biene, die unter der Nebeldecke verschwindet.

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Jule surft weiter anstatt zu arbeiten. Nebenbei zieht, knibbelt oder kaut sie um ein wenig zu driften und damit weiterhin die fleißige Biene zu unterdrücken, die immer noch die Präsentation fertig machen will.

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Fernsehen am Abend

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Nick guckt eine Serie. Es ist schon spät. Plötzlich fangt er an mit Ziehen, Knibbeln oder Kauen. Was ist los im inneren Team? Einer von Nicks Anteilen, „der Action-Junkie“, will weitergucken weil es gerade so spannend ist. Ein anderer Anteil, „der Grundbedürfnis-Wächter“, ist wirklich müde und will ins Bett gehen. Nick kann sich nicht entscheiden. Indem er zieht, knibbelt oder kaut fängt er an zu driften und Nebel zu produzieren. Sagen wir der Action-Junkie gewinnt und der Grundbedürfnis-Wächter wird unterdrückt. Dann wird Nick weitergucken, aber nebenher muss er auch ein wenig ziehen, knibbeln oder kauen um den Grundbedürfnis-Wächter unter dem Nebel zu halten.

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Entscheidend ist, worauf wir uns NICHT konzentrieren.

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Wie die meisten Menschen, die Haare ziehen (Trichotillomanie), Haut knibbeln (Dermatillomanie), Nägel knibbeln oder kauen (Onychotillomanie, Onychophagie), Wangen oder Lippen kauen (Morsicatio Buccarum) denken wir öfter über unsere Impulse nach. Dann fragen wir uns manchmal: Worauf konzentriere ich mich dabei? Was finde ich daran eigentlich so spannend?

Die Antworten lauten meistens: Ich suche nach unebenen Haaren, die anders sind. Oder ich konzentriere mich auf die Haarwurzel. Ich inspiziere die Knubbel auf meiner Haut, die „weg müssen“. Oder ich gucke mir meine Nagelränder an. Oder ich konzentriere mich auf das Nagelbett. Das, was wir von hier auf jetzt so spannend finden, sind meist winzige Details, die anderen Menschen gar nicht auffallen würden.

Wir schlagen vor die Frage umzudrehen. Wenn der nächste Impuls kommt, lasst uns mal fragen: Worauf konzentriere ich mich gerade nicht? Die Antwort darauf ist zwar nicht so einfach, aber wir glauben, dass sie uns als Betroffene viel weiter bringen kann.

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Unser Ansatz, auf den Punkt:

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– Wir ziehen, knibbeln oder kauen
– um uns durch die absolute Konzentration auf Haare, Haut, Nägel oder Wangen
– in einen „Driftmodus“/ eine leichte Trance zu versetzen
– mit der wir „störende“ Persönlichkeitsanteile unterdrücken können.

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Die Impulse wollen uns eigentlich nur „helfen“

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Die meisten Betroffenen von Trich, Derma oder Ony wissen wie frustrierend es sein kann, wenn die Impulse kommen und man sich nicht dagegen wehren kann. Wie oft haben wir uns schon gedacht „Meine Güte, hör doch einfach auf damit. Warum kann ich nicht einfach aufhören?“

Aber „einfach aufhören“ scheint nicht zu funktionieren. „Hands down“ scheint auch nicht zu funktionieren. Eigentlich scheint gar nichts zu funktionieren. Und mit der Zeit bekommen viele von uns eine richtige Wut auf diesen Drang – verständlicherweise.

Wenn wir aber mal ganz in Ruhe über die Sache nachdenken, dann sehen wir es eigentlich nicht so, dass das Ziehen, Knibbeln oder Kauen “das Problem” ist – ganz im Gegenteil. Diese Impulse sind im Prinzip der Versuch einer Lösung. Indem sie uns dazu bringen zu driften und Nebel zu produzieren, wollen die Impulse uns „helfen“ irgendwie mit dem eigentlichen Problem klarzukommen, dem inneren Konflikt zwischen zwei (oder mehreren) Persönlichkeitsanteilen.