bfrbs

BFRB ist die englische Abkürzung für „body-focused repetitive behaviours“, also sich wiederholende, körperbezogene Verhaltensweisen wie Haare ziehen, Haut knibbeln, Nägel kauen und Wangen kauen.

Der Begriff „Body-focused repetitive behaviors“ soll in die zukünftige ICD-11 aufgenommen werden, als Unterkategorie der „Zwangsstörungen und Zwangsnahen Erkrankungen“. Hier gehts zum Entwurfstext.

Wikipedia zu BFRBs: http://en.wikipedia.org/wiki/Body-focused_repetitive_behavior

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Haare

Abkürzung unter Betroffenen: Trich

Stellen: Häufig Kopfhaare, Augenbrauen, Wimpern. Grundsätzlich überall möglich.

Wie wird gezogen? Meistens mit den Fingern. Teilweise auch mit einer Pinzette.

Dauer und Intensität der Episoden: Es gibt ein weites Spektrum. Einige Betroffene ziehen sich im Laufe eines Tages nur ab und zu mal ein Haar heraus, sozusagen nebenbei. Andere Betroffene leiden unter starken, zum Teil „anfallartigen“ Haarzupfimpulsen, die meist zu Hause auftreten, wenn sie allein sind. Sie können sich mithilfe ihrer Impulse in eine Trance versetzen, aus der sie sich ohne fremde Hilfe zum Teil stundenlang nicht befreien können (mehr dazu in unserem Artikel Leichtes Driften erkennen). Viele Betroffene bewegen sich auf dem Spektrum irgendwo in der Mitte, je nachdem wie es ihnen gerade geht.

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Geschätztes Vorkommen von Trich:  Zwischen 0.6 und 3.4 %, siehe etwa Christenson GA, Pyle RL, Mitchell JE. Estimated lifetime prevalence of trichotillomania in college students. J Clin Psychiatry 1991;52(10):415–7

Hochgerechnet auf Deutschland: 480.000 – 2.720.000 Betroffene
Hochgerechnet auf Österreich: 51.000 – 290.000 Betroffene
Hochgerechnet auf die Schweiz: 48.000 – 272.000 Betroffene

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Haut

Abkürzung unter Betroffenen: Derma

Stellen: Häufig Gesicht, Hals, Dekolleté, Arme, Hände, Rücken, Beine. Grundsätzlich überall möglich. Zu Derma gehören auch knibbeln und knabbern außen an den Lippen und außen um das Nagelbett herum.

Wie wird geknibbelt: Meistens mit den Fingern. Teilweise wird die Haut auch mit einer Rasierklinge oder anderen Gegenständen bearbeitet.

Dauer und Intensität der Episoden: Es gibt ein weites Spektrum, genau wie beim Haareziehen. Einige Betroffene knibbeln im Laufe eines Tages nur ab und zu mal an ihrer Haut. Andere Betroffene leiden unter starken, zum Teil „anfallartigen“ Knibbelimpulsen, die meist zu Hause auftreten, wenn sie allein sind. Sie können sich mithilfe ihrer Impulse in eine Trance versetzen, aus der sie sich ohne fremde Hilfe zum Teil stundenlang nicht befreien können (mehr dazu in unserem Artikel Leichtes Driften erkennen). Viele Betroffene bewegen sich auf dem Spektrum irgendwo in der Mitte, je nachdem wie es ihnen gerade geht.

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Geschätztes Vorkommen von Derma: zwischen 2% und 4.2 %, siehe etwa Odlaug BL, Lust K, Schreiber LR, Christenson G, Derbyshire K, Grant JE. Skin picking disorder in university students: health correlates and gender differences. Gen Hosp Psychiatry 2013 Mar-Apr;35(2):168-73.

Hochgerechnet auf Deutschland: 1.600.000 – 3.360.000 Betroffene
Hochgerechnet auf Österreich: 170.000 – 357.000 Betroffene
Hochgerechnet auf die Schweiz: 160.000 – 336.000 Betroffene

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Artikel: Abgrenzung zwischen Dermatillomanie und klassischem „Ritzen“

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Manche Betroffene von Dermatillomanie fügen sich die kleinen Verletzungen an der Haut nicht in erster Linie mit den Fingern, sondern mit winzigen, oberflächlichen Hautschnitten zu, häufig mit einer Rasierklinge. Daher stellt sich die Frage: wo hört Derma auf, wo fängt „Ritzen“ an? Zum Artikel…

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Nägel

Abkürzung unter Betroffenen: Ony

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Geschätztes Vorkommen von Onychophagie (Nägelkauen): Nägelkauen ist deutlich das am weitesten verbreitete BFRB. Einige Studien gehen davon aus, dass knapp die Hälfte der Bevölkerung betroffen ist, siehe etwa Pacan P, Grzesiak M, Reich A, Kantorska-Janiec M, Szepietowski JC. Onychophagia and onychotillomania: prevalence, clinical picture and comorbidities. Acta Derm Venereol. 2014 Jan;94(1):67-71.

Hochgerechnet auf Deutschland: bis zu 40.000.000 Betroffene
Hochgerechnet auf Österreich: bis zu 4.500.000 Betroffene
Hochgerechnet auf die Schweiz: bis zu 4.000.000 Betroffene

Allerdings unterscheiden die Studien leider nicht danach, wie stark gekaut wird.

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Hier ein Beispiel für „leichtes“ Nägelkauen. Es wird nur der Teil des Nagels gekaut, der über dem Nagelbett hervorsteht – die Nägel werden im Prinzip regelmäßig „abgekaut“, anstatt abgeschnitten oder abgefeilt.

 

 

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Hier dagegen ein Beispiel für starkes Nägelkauen. Die Nägel werden regelrecht „runtergeknabbert“, sodass sie mit der Zeit immer kürzer werden. Es ist nicht bekannt, wie viele Menschen hiervon betroffen sind. Einige Forscher gehen von einem ähnlichen Vorkommen aus wie bei Trichotillomanie und Dermatillomanie aus, siehe etwa Grant JE, Stein DJ, Woods DW, Keuthen NJ. Trichotillomania, Skin Picking, and Other Body-focused Repetitive Behaviors. American Psychiatric Pub, 2012, P. 206

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Geschätztes Vorkommen von Onychotillomanie (bearbeiten des Nagels): 0.9%. siehe Pacan P, Grzesiak M, Reich A, Kantorska-Janiec M, Szepietowski JC. Onychophagia and onychotillomania: prevalence, clinical picture and comorbidities. Acta Derm Venereol. 2014 Jan;94(1):67-71.

Hochgerechnet auf Deutschland: 720.000 Betroffene
Hochgerechnet auf Österreich: 76.500 Betroffene
Hochgerechnet auf die Schweiz: 72.000 Betroffene

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Mundinnenraum

  • knibbeln oder kauen der Wangen: Morsicatio buccarum
  • knibbeln oder kauen der Lippen (innen): Morsicatio labiorum/ Labiophagie/ Cheilophagie
  • knibbeln oder kauen der Zunge: Morsicatio linguarum

Abkürzung unter Betroffenen: Morsi

Nach einem neuen Forschungsansatz könnten Wangenkauen & Co. ebenfalls der Gruppe der BFRBs zugeordnet werden, siehe etwa Sarkhel S, Praharaj SK, Akhtar S. Cheek-biting disorder: another stereotypic movement disorder? J Anxiety Disord. 2011 Dec;25(8):1085-6.

Unsere Selbstbeobachtung unterstützt diese Sichtweise. Wir erkennen hier den gleichen Mechanismus, wie bei Trich, Derma und Ony.

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Geschätztes Vorkommen von Morsi: bis zu 10.1%, siehe etwa Reichart PA. Oral mucosal lesions in a representative cross-sectional study of aging Germans.Community Dent Oral Epidemiol. 2000 Oct;28(5):390-8.

Hochgerechnet auf Deutschland: bis zu 8.080.000 Betroffene
Hochgerechnet auf Österreich: bis zu 858.500 Betroffene
Hochgerechnet auf Schweiz: bis zu 808.000 Betroffene

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Wann hat das Verhalten Krankheitswert?

Die meisten Menschen ziehen, knibbeln oder kauen irgendwann, vor allem natürlich als Kinder. Es muss schon eine bestimmte Schwelle überschritten sein, damit man von einer Diagnose sprechen kann. Mal an der Haut knibbeln oder hin und wieder an den Nägel knabbern – das machen sehr, sehr viele Menschen, das reicht natürlich nicht aus. Ihr habt es wahrscheinlich selbst im Gefühl, ob ihr die Schwelle überschritten habt und unter eurem Verhalten leidet.

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Orale Verhaltensweisen

Wenn du ein BFRB hast, gehören orale Verhaltensweisen nach unseren Erfahrungen in der Projektgruppe schon fast mit dazu. Also alles aus der Liste oben was mit -phagie endet und Morsi. Es wird nicht nur alles gezogen und geknibbelt, es wird auch alles geknabbert, gekaut und geschluckt. Damit ist also keiner alleine. An sich ist das physisch unbedenklich für das Verdauungssystem. Betroffene von Trichophagie sollten allerdings vorsichtig sein Haare nicht im Ganzen, also nicht unzerknabbert zu schlucken, da sich sonst Haarknäuel im Magen bilden können.

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Symptomüberschneidungen und Symptomverlagerungen

Nach unseren Beobachtungen haben viele Betroffene nicht nur ein BFRB, sondern mehrere gleichzeitig. Oder haben ein paar Monate oder Jahre das eine, dann das andere. Und manchmal wieder zurück.

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Klassifikation

Nach der ICD-10 kann Trichotillomanie (Haare ziehen) offiziell als Krankheit diagnostiziert werden (F63.3) und fällt unter die Kategorie „Abnorme Gewohnheiten und Störungen der Impulskontrolle“.

http://www.icd-code.de/icd/code/F63.3.html

Alle anderen BFRBs haben keine eigene Codierung in der ICD-10 und fallen damit allenfalls unter F63.9, „Abnorme Gewohnheit und Störung der Impulskontrolle, nicht näher bezeichnet“.

http://www.icd-code.de/icd/code/F63.3.html

Allerdings wird die ICD aktuell von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) überarbeitet. In der neuen Auflage, der ICD-11, sollen verschiedene BFRBs gesondert aufgenommen. Wenn ihr mal einen Blick in die mögliche Zukunft werfen wollt – hier findet ihr den englischen Entwurf der ICD-11:

http://apps.who.int/classifications/icd11/browse/f/en

Oben links könnt ihr als Suchbegriff den englischen Namen eures Krankheitsbildes eingeben.

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