therapie & selbsthilfe

Es gibt verschiedene gesprächstherapeutische Grundorientierungen:
(1) psychodynamische: v.a. Psychoanalyse, tiefenpsychologisch fundiertes Verfahren
(2) verhaltenstherapeutische: v.a. Kognitive Verhaltenstherapie, Dialektisch-Behaviorale Therapie
(3) systemische: v.a. Familientherapie, Paarberatung
(4) humanistische: Personenzentrierte Gesprächspsychotherapie, Gestalttherapie, Transaktionsanalyse
(5) teiletherapeutische: v.a. Ego-State-Therapie, Theorie/ Therapie der strukturellen Dissoziation, Modell des Inneren Teams

Daneben gibt es verschiedene Körpertherapien.

Zusammen genommen haben die TeilnehmerInnen unserer Projektgruppe schon viele Jahre persönliche Therapieerfahrung gesammelt, und es waren alle der oben genannten therapeutischen Grundorientierungen vertreten. Durch den Austausch innerhalb der Gruppe sind wir im Laufe des vergangenen Jahres zu der Erkenntnis gelangt, dass wir für die Behandlung von BFRBs (und auch von traumatischen Erfahrungen) keine bestimmte Grundorientierung empfehlen können, jedenfalls nicht in Reinform. Deswegen wollen wir hier nur mit euch teilen, was uns in den vergangenen Jahren wirklich geholfen hat: ein „Methodenmix“ aus den oben genannten Grundorientierungen. Man kann ihn auch ohne Therapeut/in anwenden, im Sinne einer Selbsthilfe.

 

Selbstbeobachtung

  • Wir finden es hilfreich zunächst mit intensiver Selbstbeobachtung zu beginnen. Diese Methode gehört zur Grundorientierung der Verhaltenstherapie.
  • Wir finden es hilfreich bei der Selbstbeobachtung, anders als bei der klassischen Verhaltenstherapie, ein teiletherapeutisches Modell zugrundezulegen – also die Betrachtungsweise, dass jeder Mensch (auch gesunde Menschen) ein „Inneres Team“ von verschiedenen Persönlichkeitsanteilen in sich trägt, ähnlich wie die Stücke eines Kuchens:

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  • Wir verstehen BFRBs (und viele andere psychische Symptome) als Ausdruck von Konflikten zwischen diesen inneren Persönlichkeitsanteilen – ähnlich wie Konflikte zwischen realen Menschen. Das Konzept der Persönlichkeitsanteile wird sehr gut erklärt von Friedemann Schulz von Thun in seinem Buch „Miteinander Reden: Das Innere Team„.
  • Es braucht erfahrungsgemäß einige Wochen Selbstbeobachtung um eine konkrete Liste von Verursachern für die BFRB-Impulse zusammenzustellen. Einige häufige Beispiele findet ihr in unserem Leitartikel.
  • Es kann auch hilfreich sein, das Symptom Driften als solches zu beobachten und zu versuchen zu verstehen, wann es auftritt. (Das Symptom kann auch unabhängig von den BFRB-Impulsen auftreten und es tritt auch bei Menschen auf, die gar nicht von BFRBs betroffen sind). Mehr dazu findet ihr in unserem Artikel „Leichtes Driften erkennen„.

 

Empathie für die inneren Anteile entwickeln

  • Im nächsten Schritt finden wir es hilfreich zu versuchen mit den inneren „Teammitgliedern“ einzeln Kontakt aufnehmen, ihnen zuzuhören, und sie zu verstehen – und zwar nicht intellektuell, sondern emotional. Es geht darum zu lernen, die eigenen Gefühle zu fühlen, zu benennen und zu akzeptieren – Helles und auch Dunkles.
  • Eine emphatische Kommunikation mit inneren Anteilen ist sehr gut vergleichbar mit emphatischer Kommunikation zwischen „idealen“ Eltern und ihren Kindern. Eine wirklich hilfreiche Anleitung ist zum Beispiel das Buch „So sag ichs meinem Kind“ von Adele Faber und Elaine Mazlish. Man kann die empfohlenen Schritte sehr gut auf die Kommunikation mit inneren Anteilen übertragen.
  • Die Lektüre eines Buchs ersetzt allerdings keine zwischenmenschliche Beziehung. Es reicht nicht die Dinge zu verstehen, man muss sie auch fühlen und erleben. Die personenzentrierte Gesprächspsychotherapie geht davon aus, dass das am besten im zwischenmenschlichen Kontakt funktioniert. Wenn ihr Schwierigkeiten habt an eure Emotionen heranzukommen, möchten wir euch ans Herz legen, euch an jemanden zu wenden, der/ die gut darin ist, emphatisch und wertschätzend zuzuhören.
  • Alternativ, oder vielleicht noch besser, könntet ihr selbst zu jemandem werden, der/die gut darin ist, sich selbst, also dem inneren Team, emphatisch und wertschätzend zuzuhören. Einige von uns haben vor kurzem mit einer Weiterbildung in Personenzentrierter Beratung begonnen. Wir möchten uns selbst beibringen, anderen Menschen, aber auch unseren inneren Anteilen emphatisch zuzuhören. Denn was man mit anderen Menschen kann, das kann man auch mit inneren Anteilen – und andersherum.
  • Wenn ihr euch in (Selbst)Empathie weiterbilden wollt: es gibt viele kürzere und längere Workshops, Kurse und Weiterbildungen mit personenzentrierter Grundorientierung, zum Beispiel „Personenzentrierte Gesprächsführung“, „Personenzentrierte Elternschule“, „Gewaltfreie Kommunikation“ oder das „Gordon Familientraining“.

 

Systemisches Verständnis entwickeln

  • Wenn man seinen inneren Anteilen emphatisch zuhören kann, ist das schon die halbe Miete. Aber es ist wichtig sich klarzumachen, dass die Persönlichkeitsanteile und ihre Gefühle nicht isoliert voneinander sind, sondern miteinander zusammenhängen – so wie in einer Gruppe von realen Menschen. Es gibt innere Freundschaften und Feindschaften, Koalitionen und Konflikte.
  • Deswegen kann es hilfreich sein die Kommunikation zwischen den inneren Anteilen zu fördern. Schulz von Thun beschreibt in „Das Innere Team“ wie man „innere Konferenzen“ mit Persönlichkeitsanteilen abhalten kann – ähnlich wie Konferenzen zwischen realen Menschen.
  • Und ähnlich wie bei äußeren Konferenzen kann es hilfreich sein, ein guter Verhandler/ eine gute Verhandlerin zu werden und zu lernen, wie man als Klärungshelfer zwischen zerstrittenen „inneren Konfliktparteien“ auftritt. Eine hervorragende Anleitung hierzu bietet zum Beispiel das Buch „Getting to Yes/ Das Harvard-Konzept“ von Fisher, Ury und Patton. Man kann die empfohlenen Schritte sehr gut auf innere Konferenzen mit Anteilen übertragen.
  • Sehr gut erklärt wird die Kombination von emphatischem Zuhören und einer systemischen Sichtweise auch im Buch „Familienkonferenz“ von Thomas Gordon. Die Beispiele in dem Buch lassen sich ebenfalls sehr gut auf die Arbeit mit dem inneren Team übertragen.
  • Wenn ihr euch selbst in systemischem Denken weiterbilden wollt, gibt es hier ebenfalls eine breites Angebot von Workshops, Kursen und Weiterbildungen. Angebote findet ihr beispielsweise über diese Suchdatenbank. Gut geeignet ist auch die „Zusatzausbildung Kommunikationspsychologie“ vom Schulz-von-Thun Institut für Kommunikation.
  • Das Verhältnis zwischen dem Personenzentrierten Ansatz, bei dem Empathie im Mittelpunkt steht, und dem Systemischen Ansatz lässt sich vielleicht folgendermaßen gut auf den Punkt bringen: Die Gesellschaft für Personenzentrierte Psychotherapie (GWG) hat eine Mitgliederzeitschrift, die „Person“ heißt. Die Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie (DGSF) hat eine Mitgliederzeitschrift, die „Kontext“ heißt. Person im Kontext. Tiefe und Breite.

 

Ein gutes Körpergefühl entwickeln

  • Schließlich kann es für die Heilung auch sehr hilfreich sein, das Gefühl für den eigenen Körper zu verbessern. Denn Anteile des Selbst finden sich nicht nur im Geist, sondern auch im Körper wieder.
  • Und Körperarbeit kann auch ein sehr guter Weg sein, um an die eigenen Gefühle heranzukommen. Es gibt viele verschiedene Gruppen und Angebote, die euch dabei unterstützen können. Sucht einfach ein wenig, bis ihr etwas gefunden habt, das für euch stimmig ist.

 

Fazit

  • Unsere Erfahrung ist bisher die, dass wir immer dann die größten Fortschritte gemacht haben, wenn wir uns nicht auf eine Therapeutin/ einen Therapeuten verlassen haben, sondern uns selbst Lern- und Entwicklungsziele gesetzt haben und uns auf den Weg gemacht haben, diese aus eigener Kraft zu erreichen.
  • Es ist nicht notwendig den Weg der Heilung allein zu gehen. Es gibt viele Menschen, Bücher und Weiterbildungsangebote die euch auf dem Weg unterstützen können.
  • Aber man muss den Weg unserer Erfahrung nach selbst gehen. Nicht allein, aber selbst.
  • Wir glauben, dass wir alles, was wir brauchen um heile zu wachsen, schon in uns haben.

Wenn ihr meint, dass es euch helfen kann, euch mit uns über Therapie- und Selbsthilfeerfahrungen auszutauschen, könnt ihr euch gerne unter info@heilewachsen.org an uns wenden.

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